Zum Gedenken an das Studentenmassaker am 3. und 4. Juni 1989 in Peking (Teil 1)

02-06-2016 22:54:46 Autor:   Ci Hang Kategorien:   Menschenrechte , Gesellschaft

(Bild: 64memo.com)

Damals arbeitete ich als Dolmetscherin für deutsche Ingenieure.  Am 3. Juni 1989 hatte ich gegen 20:00 Uhr mit der Vertretung des Unternehmens SPS im Hotel Königspalast  zu Ende gegessen. Sie brachten mich zu meinen Bekannten beim Tian´anmen Platz, dem Platz am Tor des himmlischen Friedens. Wir sahen viele Menschen, die sangen und das Wort „Faschisten“ riefen. Plötzlich hörten wir Schüsse.

Ein Ingenieur, der aus Budapest kam und dort den blutigen Aufstand von 1956 erlebt hatte, rief erschrocken: „Das ist ein Kugelhagel.“ Ich dachte zuerst an ein Feuerwerk, aber der Ingenieur beteuerte, dass die Art der Geräusche einer gewaltsamen Konfrontation mit dem Einsatz von Schusswaffen entspräche. Wir waren entsetzt.

Pekinger Bewohner liefen auf der Hauptstraße „Chang An“, dann sahen wir Panzer, die mit Steinen beworfen wurden. Die Leute schrien immer wieder „Faschisten“.

Die Leute schrien immer wieder „Faschisten“.

Meine Wohnung in der Straße „Fu Xing Lu“ befand sich weit weg, ungefähr 50 Kilometer entfernt. Die U-Bahn war abgesperrt, der Taxifahrer wollte mich nicht dahin fahren und sagte, dass viele Leute schon tot auf der Straße „Mu Xu Di“ lägen, die Schießerei hätte schon am Nachmittag angefangen, es wäre zu gefährlich. Danach traute ich mich nicht, nach Hause zu gehen. Ich entschied mich, zu Bekannten, die in der Nähe wohnten, zu gehen.

Währenddessen sangen die Leute, schimpften gegen die Faschisten und schrien. Ich lief eilig zu meiner Bekannten Frau Gu, die in der Straße „Qian Men“ wohnt. Die Begrüßung dauerte nur kurz – ich durfte dort übernachten.

Die ganze Nacht konnten wir kaum schlafen. Gegen 23:00 Uhr kam der ältere Sohn von  Frau Gu zurück. Er erzählte, dass der alte Mann, dem die Imbissbude Kentaki  gehörte, davor erschossen wurde. Sein Vater fing an zu schimpfen, wie man sich draußen aufhalten könne, wenn so wild und blindlinks geschossen würde.

Es war eine lange Nacht, von draußen hörten wir, wie die Studenten die Nationallieder sangen. Es fielen nicht nur vereinzelte Schüsse, wir hörten auch langanhaltendes Knarren der Maschinengewehre. Es war schrecklich.

 

Viele Opfer des 4. Juni starben an den Folgen der Dum-Dum-Geschosse, die international verboten sind. (Bild: 64memo.com)
Viele Opfer des 4. Juni starben an den Folgen der Dumdumgeschosse, die international verboten sind
Viele Opfer des 4. Juni starben an den Folgen der Dumdumgeschosse, die international verboten sind

 

 

 

Am nächsten Tag musste ich um 7:00 Uhr zur Arbeit, so verabschiedete ich mich von Frau Gu und fuhr, mit dem von ihr ausgeliehenen Fahrrad, zur Station „Da Bei Yang“. Auf dem Weg dahin sah ich beim Ausgang des Tian´anmen Platzes, dass die Leute auf die Soldaten mit dem Ausruf „Faschisten“ schimpften. Wie kann man nur so sinnlos auf Menschen schießen?

Wie kann man nur so sinnlos auf Menschen schießen?

Die Panzer waren bereits ab 4:00 Uhr morgens dabei gewesen, den Tian´anmen Platz gewaltsam zu räumen, auf dem viele Zelte standen. Hierbei kam eine militärische Einheit zum „Säuberungseinsatz“, die bereits im Vietnamkrieg eingesetzt worden war. Während der Säuberung wurden viele Studenten erschossen und von Panzern überfahren. In den Zelten lagen viele Tote. Laute Schreie verhallten langsam, bis alles verstummte und der letzte Student, der noch fliehen konnte, den Tian´anmen Platz verlassen hatte. Zwischen 5:00 und 6:00 Uhr morgens war der Platz bereits leer. 

Gewaltsame Räumung des Tian'anmen-Platzes durch eine Spezialeinheit. (Bild: 64memo.com)

 

Am Morgen des 4. Juni schießen Soldaten noch immer auf die Bevölkerung. Das Bild zeigt verwundete Menschen, die auf der „Chang An Street“ liegen, während andere versuchen, ihnen zu helfen. (Bild: 64memo.com)

 

Nicht nur die Vietnamkrieg-Einheit war präsent, es erschienen auch weitere Einheiten aus dem Tunnel. Der Platz füllte sich mit Soldaten, auch hinter dem Platz und bei der Volkshalle waren sie zugegen. Sie reinigten den Platz viermal mit viel Wasser. Die Einschussspuren der Kugeln blieben jedoch als Zeugnis zurück.

Sie reinigten den Platz viermal mit viel Wasser. Die Einschussspuren der Kugeln blieben jedoch als Zeugnis zurück.

Nach der vergangenen Nacht, in der die große Schießerei und die gewaltsame Räumung des Platzes stattgefunden hatten, wurde drei Tage lang versucht, die blutigen Spuren wegzuwaschen. Die Reporter fotografierten danach einen sauberen Platz und die Zahl der Getöteten wurde mit einem Toten benannt. Sie verleugneten die Schießerei. Selbst die Kundschaft unserer Firma sprach nicht von dem Verbrechen des Massakers seitens der Regierung, sondern äußerte sich lauthals gegen die Studenten. Auch die Universität traute sich nicht, die Falschdarstellung zu korrigieren, sondern kritisierte noch die Studentenbewegung.

 

Neugierige Pekinger bleiben am 7. Juni stehen, um sich die Militärfahrzeuge auf dem Platz des Himmlischen Friedens anzuschauen. (Bild: 64memo.com)

 

Aus Angst hatte ich die ganze Woche im Büro meiner Firma geschlafen.

Fortsetzung folgt!

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