Dunkles Geheimnis: Der drittschwerste Atomunfall der Welt

25-05-2016 22:42:37 Autor:   Troy Oakes Kategorien:   Umwelt

Bild: CBC via Screenshot/YouTube

Die kerntechnische Anlage Majak ist immer noch ein dunkles Geheimnis des kalten Krieges. Der drittgrößte Atomunfall, auch bekannt als „Kyschtym-Unfall“, ereignete sich am 29. September 1957 nicht weit von der Stadt Chelyabinsk-65. Wenn wir an Atomunfälle denken, denken wir normalerweise an Tschernobyl und Fukushima, vielleicht auch noch an Three Mile Island. Allerdings ereignete sich während des Höhepunkts des Kalten Krieges in dem östlichen Uralgebirge der Sowjetunion ein Atomunfall, der so erschreckend und verheerend war, dass er beinahe unglaubwürdig erscheint.

Das Geheimnis

Die Sowjets gaben keine Details über den zu der Zeit schlimmsten Atomunfall bekannt, nicht einmal den unmittelbar betroffenen Menschen. Sogar der Name „Kyschtym-Unfall“ ist eine Irreführung, weil er sich in der Stadt Chelyabinsk-65 (Anfang der 1990er in Osjorsk umbenannt) ereignete. Den Sowjets zufolge existierte diese Stadt allerdings niemals.

Die kerntechnische Anlage Majak war die Schlüsselkernanlage der Sowjetischen Union mit einer gewaltigen Menge an Produktions-Kernreaktoren für waffenfähiges Plutonium, Brennstoff-Produktionsanlagen und Lagerhallen für die Wiederaufbereitung und Entsorgung. Es wurde als Russlands wichtigste Atomwaffenfabrik betrachtet.

 


Vor dem Ereignis

Die Ingenieure der Anlage verbrachten in den Jahrzenten der Anonymität die meiste Zeit damit, Kernschmelzen durchzuführen und radioaktiven Abfall in den Fluss zu werfen. Zwischen 1948 und 1956 wurde radioaktiver Abfall direkt in die Tetscha geschüttet, die schließlich in den Fluss Ob mündet, welcher die Haupttrinkwasserversorgungsquelle für viele Dörfer war.

Der verdünnte Abfall war ein Cocktail radioaktiver Elemente, welcher unter anderem langlebige Teilungsprodukte wie z.B. Strontium-90 und Cäsium-137 enthielt. Beide Elemente haben eine Halbwertszeit von ungefähr 30 Jahren. Die Entsorgung radioaktiven Materials über Flüsse setzte 124.000 Menschen mittlerer und starker Radioaktivität aus. Außerdem wurde der Abfall in die Seen Westsibiriens geschüttet. Durch Stürme in diesem Gebiet verteilte sich der Atomstaub großflächig um die Seen herum.

Der Unfall

Das Kühlungssystem eines Tanks, der um die 70-80 Tonnen flüssigen Atommülls enthielt, fiel aus und wurde nie repariert. Die Temperatur in dem Tank stieg, was dazu führte, dass die Flüssigkeit verdampfte. Der getrocknete Abfall blieb übrig, welcher größtenteils aus Ammoniumnitrat und Acetat bestand. Als Ergebnis dessen gab es eine Explosion (nicht nuklearer Natur), welche eine geschätzte Sprengkraft von ungefähr 75-100 Tonnen TNT besaß.

Obwohl es keine unmittelbaren Opfer gab, wurden durch die Explosion 740 PBq (20 MCi) an Teilungsprodukten freigesetzt, die durch den Wind von der Anlage wegtrieben. Es wurde eine Schadstofffahne hinterlassen, die 50 Kilometer breit und 1.000 Kilometer lang war. Dieser Unfall wurde dadurch als Stufe 6 Unfall (7 ist die höchste) auf der Internationalen Bewertungsskala für Nukleare Ereignisse (INES) eingestuft.

Karte der Ostural-Spur: In Folge des „Kyschtym-Unfalls“ kontaminierte Gebiete. (Bild: Jan Rieke via Wikipedia/CC BY-SA 3.0)

 

Ein paar Dorfbewohner wurden evakuiert, die meisten allerdings nicht. Es gab mindestens 270.000 Menschen, die einer länger andauernden Strahlung ausgesetzt waren. Sowjetische Behörden evakuierten ein paar Städte innerhalb einer Woche, während es bei den meisten anderen Städten über zwei Jahre dauerte. Die Behörden entschieden sich außerdem dafür, die weniger bevölkerten Gebiete mit weniger als 1.000 Einwohnern nicht zu beachten. Niemandem wurde erzählt, was geschah, weil Majak eine streng geheime Sicherheitseinrichtung war.

Die Erkrankungen durch radioaktive Strahlung verbreiteten sich in der Bevölkerung des betroffenen Gebiets, wodurch Panik entstand. Menschen bekamen vor den für sie mysteriösen Erscheinungen Angst. Die radioaktive Strahlung führte dazu, dass die Haut abfiel und wunde Stellen auf der Haut entstanden. Jedoch wurde ihnen langsam bewusst, dass das schlimmste erst noch auf sie zukommen würde.

In den Jahren danach

In dem Dorf Musljumowo wurden die Einwohner zu Versuchspersonen „eines natürlichen Experiments“. Nationale Strahlungsexperten betreuten die „Versuchspersonen“, um zu erfahren, welche Effekte ein Atomkrieg auf den menschlichen Körper haben kann. Sie wurden allerdings nie über die Untersuchungen informiert, noch wurde ihnen erklärt, warum so viele Menschen krank waren.

Erst 1992 wurde die wahre Natur des Musljumowo Experiments aufgedeckt, nachdem sowjetische Akten freigegeben wurden. Schon damals schätzte ein Kinderarzt, dass 90 % der Kinder des Dorfes an genetischen Abnormitäten litten, und nur 7 % als gesund angesehen wurden.

In den folgenden Jahrzenten nach dem „Kyschtym-Unfall“ trat bei vielen Krebs auf. Die Dorfbewohner, die von dem Unfall und der industriellen Langzeitverschmutzung betroffen waren, kämpfen noch immer für eine Umsiedelung und Entschädigung.

Die Sowjets erklärten in den späten 1960ern einen Teil des kontaminierten Gebiets zu einem „Naturschutzgebiet“, um die Bewohner umziehen zu lassen. Allerdings wurde dies arrangiert, damit die Menschen weder den Krebs noch die Umwelteinflüsse bemerken, die in der Einschlagstelle immer noch andauern.

Wir werden wahrscheinlich nie erfahren, wie viele Menschen durch die radioktive Verschmutzung starben, da die tödliche Energie der Strahlung lange nachwirken kann und erst später zum Tod führen kann.

Heute

Die kerntechnische Anlage Majak hat zwar die Produktion von waffenfähigem Plutonium 1987 eingestellt, bleibt aber weiterhin für die Wiederaufbereitung von verbrauchtem Kernbrennstoff in Betrieb, der aus ganz Russland und aus aller Welt angeliefert wird. Das Sicherheitsprotokoll zeigt keine positive Tendenz – in den letzten Jahren ereigneten sich dutzende Unfälle und Zwischenfälle.

Es leben immer noch ungefähr 7.000 Menschen in direktem Kontakt mit dem Fluss Tetscha (radioaktiver Abfall wird bis zum heutigen Tag dort hineingeworfen) oder dem kontaminierten Boden. In Musljumowo treten genetische Abnormitäten 25-mal häufiger als in anderen Teilen Russlands auf, wie Studien zeigen.

Bösartiger Krebs tritt signifikant öfter auf – in Relation zu den Anwohnern tritt er nach dem nationalen Onkologie-Register Russlands viermal öfter auf als im restlichen Russland. In den umliegenden Städten und Dörfern ist die Krebsrate mehr als doppelt so hoch wie der russische Durchschnitt.

Osjorsk Geschlossenes administrativ-territoriales Gebiet (ZATO). (Bild: Ecodefense/Heinrich Boell Stiftung Russia/Slapovskaya/Nikulina via Wikimedia Commons)

 

Noch immer haben wir nichts dazugelernt

Mit diesem Wissen im Hinterkopf sollte doch kein Land wollen, dass das in dieser Region noch einmal ein Unglück geschieht. Aber noch immer liefern Länder ihren Atommüll dorthin, obwohl sie sich vollkommen bewusst sind, dass die schöne Landschaft und das Naturschutzgebiet nur ein Trugbild sind.

Nachdem Boris Jelzin 1992 einen Erlass unterschrieb, der westlichen Wissenschaftlern den Zugang zu dem Gebiet erlaubte, ernannten westliche Wissenschaftler das Gebiet sofort zu dem am stärksten radioaktiv verseuchten Gebiet der Welt.

Ausländischer Brennstoff, der in Majak verarbeitet wurde, hat bisher zu 3.000.000 Kubikmetern radioaktiver Flüssigkeit geführt, die in die Umwelt geschüttet und freigelassen wurde. Majak hat 1.540 Tonnen verbrauchten Kernbrennstoffs von einigen Ländern wiederaufbereitet; unter ihnen Ungarn, Bulgarien, Deutschland, Finnland und Tschechien.

Russische Behörden hoffen jetzt, Verträge mit der Schweiz, Spanien, Südkorea, Slowenien, Italien, Belgien und der Slowakei auszuhandeln. Erkennen wir im Angesicht dieser schrecklichen Ereignisse dort das wahre Gesicht der globalen Atomindustrie?

Auch heute noch lehnt Russland andere Darstellungen als ihre offizielle Version der Ereignisse ab. Tatsache ist – Majak bleibt auch ein halbes Jahrhundert nach dem Unfall einer der am stärksten radioaktiv verseuchten Plätze auf der Welt, mit einem verheerenden Erbe für zukünftige Generationen.

LIKE uns auFacebook, oder folge uns auf  Twitter.