Chinesische Polizei reißt Familien wegen eines Briefes auseinander, der den Rücktritt des chinesischen Präsidenten Xi Jinping fordert

20-04-2016 21:52:58 Autor:   Visiontimes Kategorien:   Gesellschaft , Menschenrechte

In China wurden die Verwandten eines in Deutschland lebenden Reporters am 27. März durch die chinesische Polizei verhaftet. (Bild: Twitter )

Ein offener Brief, der den chinesischen Präsidenten Xi Jinping zum Rücktritt drängt, löste eine politische Verfolgung gegen die Familienmitglieder von Chinesen, die im Ausland leben, aus.

Der in Deutschland lebende Deutsche Welle-Reporter  berichtete am 27. März, dass die Polizei in China in die Geburtstagsparty seines Vaters stürmte und drei seiner jüngeren Geschwister inhaftierte. Der Grund dafür ist, dass sie eine Verbindung zwischen Changs Arbeit in Deutschland und dem offenen Brief annehmen.

Die Polizei forderte außerdem, dass Chang seinen Tweet über die Entführung von Menschen durch die chinesische Polizei löscht und damit aufhört, Artikel über die Aktivitäten der chinesischen Regierung zu veröffentlichen. Die Verhaftungswelle und die Drohungen starteten mit der am 22. März durchgeführten Verhaftung der Eltern und des Bruders des in den USA lebenden chinesischen Aktivisten Wen Yunchao.

Der Brief wurde auf geheimnisvolle Weise auf der der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) zugewandten Nachrichtenseite Watching veröffentlicht und angeblich von „loyalen Mitgliedern der Kommunistischen Partei“ unterzeichnet. Der Brief kritisiert Xis politische, diplomatische, ökonomische und kulturelle Strategien, klagt Xi wegen des „Verlassens des demokratischen Systems der gemeinsamen Führung“ an und behauptet, dass seine Strategien zu einer „exzessiven“ Konzentration der Macht führen würden.

Chang Ping ist ein renommierter chinesischer Autor, der in Deutschland lebt. Er wurde als Stellvertretener Chefredakteur des Magazins Southern Metropolis Weekly entlassen, nachdem er die tibetischen Unruhen 2008 kommentierte und die Regierung aufforderte der Presse mehr Freiheit bezüglich der Nachrichten über Tibet zu geben.

Nachdem Chang Ping daran scheiterte, sein Arbeitsvisum in Hongkong zu erneuern, zog er 2012 nach Deutschland und begann für die Deutsche Welle zu schreiben.

Aber das Verlassen Chinas befreite Chang nicht von der politischen Bedrohung durch die chinesischen Behörden.

Nachdem sein ehemaliger Kollege Jia Jia bei dem Versuch, im März 2015 von Peking nach Hongkong zu fliehen, verschwand, schrieb Chang in seiner Kolumne der Deutschen Welle: „Jia Jia wurde wegen der Straftat zu sehen verschleppt. Der Artikel kritisiert die chinesische Regierung für die Verfolgung von Menschen, die nicht blind sind und deshalb die Existenz des geheimen offenen Briefs „sehen“.

Was er nicht vorausahnte, war, dass die chinesische Polizei tatsächlich gegen die „Blinden“ vorgeht – in diesem Fall sind es die Familienangehörigen derer, die den Brief gesehen haben.

Am 27. März schrieb Chang Ping auf Twitter, dass seine Schwester und zwei Brüder auf dem Geburtstagsbankett seines Vaters von der chinesischen Polizei entführt wurden. Die Polizei drohte, dass sie bestraft werden würden, wenn Chang Ping nicht aufhören würde, Kommentare über die chinesische Regierung abzugeben. Sie forderten außerdem, dass der Deutsche Welle-Artikel über Jia Jia entfernt wird.

Als Antwort auf die politische Verfolgung äußerte sich Chang in Form einer öffentlichen Stellungnahme, in der er seine Beteiligung an dem offenen Brief bestreitet und die internationale Gemeinschaft dazu drängt, die barbarischen Handlungen der chinesischen Polizei zu verurteilen (übersetzt von China Change):

1) All of my family and relatives in China have no understanding of my political beliefs, columns, and the media work I engage in, nor are they in any way related to it. Currently they have no communication with me, therefore they will be unable to meet the unreasonable demand of the police. I’d be in support of them, should they wish to cut off all ties with me at any point.

2) Apart from the above column [Deutsche Welle] and interview [Radio France Internationale/RFI], I personally have no other connection to the open letter. I didn’t help draft it, I didn’t publicize it, and I only read it after it had already been widely promulgated. It’s just like I said in my column: I don’t get involved in internal Party power struggles, and I’ve no interest in doing so.

3) Every citizen has the freedom of speech to engage in comment or criticism of the political activities of state leaders. The Communist Party should immediately stop investigating the people they believe are behind the letter demanding that Xi Jinping resign, and cease the abductions, harassment, and investigations of media personnel, commentators, and netizens, and their family members.

4) I’ve been involved in news reporting and commentary for over 20 years, and I’ve always taken to it in a spirit of professionalism, and with independence and autonomy and the conscience of an intellectual. I’ve always done what I think is right, and have always been willing to accept whatever fate brings as a result of that. The harassment and threats of the authorities allow me to see even more the value of my writings, and encourage me to work harder in future.

5) I strongly condemn the Communist Party’s attempts to interfere with the freedom to publish of Western media like Deutsche Welle and RFI. I call for the international community to speak out against these barbaric kidnappings by Chinese police.”

Hier eine Übersetzung des englischen Textes durch unsere Redaktion:

1) Alle Familienmitglieder und Verwandten von mir in China haben kein Verständnis von meinen politischen Überzeugungen, Kolumnen und der Medienarbeit, mit der ich mich beschäftige, auch sind sie in keiner Weise daran beteiligt. Derzeit stehen sie nicht mit mir in Kontakt, weshalb sie nicht dazu in der Lage sind, die unangemessene Forderung der Polizei zu erfüllen. Ich würde sie dabei unterstützen, wenn sie es wünschen würden, zu irgendeinem Zeitpunkt alle Verbindungen zu mir abzubrechen.

2) Neben der oben erwähnten Kolumne [Deutsche Welle] und dem Interview [Radio France Internationale/RFI] habe ich persönlich keine andere Verbindung zu dem offenen Brief. Ich habe nicht dabei geholfen ihn zu entwerfen, ich habe ihn nicht veröffentlicht und ich habe ihn erst gelesen, nachdem er bereits weit verbreitet war. Es ist genauso, wie ich es in meiner Kolumne gesagt habe: Ich werde mich nicht in interne Machtkämpfe der Partei einmischen und ich habe auch kein Interesse daran.

3) Jeder Bürger hat die Meinungsfreiheit, sich an Kommentaren oder Kritik an den politischen Aktivitäten der Staatsführer zu beteiligen. Die Kommunistische Partei [Chinas] sollte sofort aufhören, gegen die Menschen zu ermitteln, von denen sie denkt, dass sie hinter dem Brief stecken, der den Rücktritt von Xi Jinping fordert. Außerdem sollten sie mit den Entführungen, Belästigungen und Untersuchungen von Medienvertretern, Kommentatoren, Netzbürger und deren Familienmitgliedern aufhören.

4) Ich bin seit über 20 Jahren an Berichterstattungen und Nachrichtenkommentaren beteiligt und ich habe es immer im Geiste der Professionalität und mit der Unabhängigkeit und Eigenständigkeit und dem Gewissen eines Intellektuellen gemacht. Ich habe immer das getan, von dem ich dachte, dass es richtig sei und war immer bereit, das Schicksal zu akzeptieren, welches auch immer als Ergebnis daraus resultieren würde. Die Belästigungen und Bedrohungen der Behörden erlauben mir sogar noch mehr, den Wert meiner Schriften zu sehen und ermutigen mich, in der Zukunft härter zu arbeiten.

5) Ich verurteile die Versuche der Kommunistischen Partei [Chinas], sich in die Freiheit der Veröffentlichung von westlichen Medien wie der Deutschen Welle und RFI einzumischen. Ich rufe die internationale Gemeinschaft dazu auf, gegen die barbarischen Entführungen durch die Kommunistische Partei [Chinas] Stellung zu nehmen.“

Als die chinesische Polizei Chang Pings Bruder, Zhang Wei, weiter antrieb, Chang zu drängen, mit dem Schreiben aufzuhören, hatte Chang keine andere Wahl, als die E-Mails seines Bruders zu blockieren und jeglichen Nachrichtenaustausch mit seiner Familie abzubrechen. In einer zweiten Stellungnahme verglich Chang die Situation seiner Familie mit dem Hongkonger Buchverkäufer Lee Bo, der ebenfalls gezwungen wurde, öffentlich den Nachrichtenaustausch mit seiner Familie abzubrechen (übersetzt von China Change):

As I see it, from Party Central media to local police stations, all of them have learned to manipulate their hostages and put on puppet shows. My younger brother has become another Lee Bo of Hong Kong. Look at one of his recent emails. Don’t the police think this sort of performance is extremely clumsy? […]

I am blocking the email address of Zhang Wei, and I won’t see any more emails from him; my family members and relatives have no other way of contacting me, and I won’t have any more contact with them for a long time, or perhaps forever; […]

My family members and relatives will continue to be brainwashed by the Chinese police, and they’ll think that the misery that’s befallen them is because I don’t care about my family. Some of them have already started cursing me. This will have no bearing on me. Nor do I have any way of making them understand just how despicable and base the CCP is.”

Hier eine Übersetzung des englischen Textes durch unsere Redaktion:

So wie ich es sehe, haben alle, von den Zentralmedien der Partei bis hin zu den lokalen Polizeiwachen, gelernt, ihre Geiseln zu manipulieren und ein Schauspiel zu inszenieren. Mein jüngerer Bruder wurde zu einem weiteren „Lee Bo von Hongkong“. Schaut eucch nur eine seiner neuesten E-Mails an. Denkt die Polizei etwa nicht, dass diese Art von Schauspiel extrem ungeschickt ist? […]

Ich blockiere die E-Mail Adresse von Zhang Wei und werde keine weiteren E-Mails mehr von ihm sehen; meine Familie und Verwandten haben keine andere Möglichkeit, mich zu kontaktieren und ich werde für eine lange Zeit keinen weiteren Kontakt mit ihnen haben, oder vielleicht für immer; […]

Meine Familienmitglieder und Verwandten werden weiterhin von der chinesischen Polizei einer Gehirnwäsche unterzogen und sie werden denken, dass das Elend, das ihnen widerfährt, durch mich entstanden sei, weil mir die Sicherheit meiner Familie egal ist. Manche von ihnen haben schon angefangen, mich zu verfluchen. Das wird keinen Einfluss auf mich haben. Auch habe ich keine Möglichkeit, ihnen klarzumachen, wie verabscheuenswert und niederträchtig die KPCh ist.“

Im vormodernen China praktizierten Behörden Bestrafungen durch die Gesellschaft, indem sie den konfuzianistischen Wert des Respekts gegenüber den Eltern benutzten, bei dem vom Einzelnen erwartet wird, sich für das Wohlergehen der Familie aufzuopfern. In dem Interview mit RFI verurteilt Chang Ping diesen unmenschlichen Akt:

This is hooligan behavior. Punishment by association has been abolished by the CCP as it is an extremely barbaric act which does not have any place in any legal text. But they [the Chinese authorities] are exploiting such methods. […] This is like holding an innocent person hostage to achieve political means.

This act is extremely barbaric and a betrayal and insult to human society and its political and legal civilization.“

Hier eine Übersetzung des englischen Textes durch unsere Redaktion:

Das ist das Verhalten von Hooligans. Sippengaft wurde von der KPCh abgeschafft, weil es eine extrem barbarische Handlung darstellt, die in keinen Gesetzestext hineingehört. Aber sie [die chinesischen Behörden] nutzen solche Methoden. […] Das ist, als würde eine unschuldige Person als Geisel festgehalten, um politische Ziele zu erreichen.

Dieses Verhalten ist extrem barbarisch und ein Verrat an und eine Beleidigung gegen die menschliche Gesellschaft und ihre politische und rechtmäßige Zivilisation.“

Dieser Artikel von Oiwan Lam erschien ursprünglich auf Global Voices.

 

 

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