China: „Reich” ohne Mittelpunkt

31-03-2016 21:23:44 Autor:   Lin Lan / Erik Rusch Kategorien:   China , Gesellschaft

Chinesiche Mauer (Bild: pixabay / CCO Public Domain)

Dem Bericht mit dem Titel „Chine: l'empire sans milieu” (China: Reich ohne Mittelpunkt) der französischen Zeitung Le Figaro nach gibt es in der chinesischen Provinz Gansu ein kleines Dorf, das Dongjialing heißt. In diesem armen und entlegenen Dorf wohnen hauptsächlich muslimische Chinesen. Es wurde im Jahr 2000 verkündet, dass es geographisch „genau in der Mitte der VR Chinas“ liege und einen „Turm des Herzens der Nation“ baue, um Touristen anzuziehen und die Wirtschaft anzukurbeln.  Sein Versuch, diesen Turm zu bauen, wurde von der chinesischen Regierung abgelehnt. Die KPCh erkennt keine Aussage über den geographischen Mittelpunkt Chinas an.

Dem Bericht zufolge hat die weit im Landesinneren entlegene Fläche von Gansu nicht von der raschen chinesischen Wirtschaftsentwicklung profitiert. Die Einwohner hier müssen hart arbeiten, um zu überleben. Das größte Hindernis ist die Politik der KPCh, die alles bestimmt. Es darf kein geographischer Mittelpunkt ohne die Erlaubnis der zentralen Regierung existieren.

In dem Bericht wurde der „Turm des Herzens der Nation“ erwähnt, der vom Dorf Dongjialing im Jahr 2000 gebaut wurde. Das offizielle Symbol der KPCh, die rote Fahne mit fünf Sternen, gab es nicht. An einer großen schwarzen Marmorstelle steht jedoch deutlich „甘肃省东乡县的董家岭,位于东经103度23'19',北纬35度33'49',中华人民共和国陆地地理中心。“ (Dongjialing der Stadt Dongxiang der Gansu Provinz befindet sich 35°33´49´ N und 103°23´19 O im geographischen Mittelpunkt der Volksrepublik Chinas).

Laut dem Bericht blieb der Architekt anonym, um Ärger mit der Regierung zu vermeiden. Aber sein Designgedanke zeigt die offizielle Konzeption der Einheit der Nation: Der Turm ist 20 Meter hoch, und zwar 2000 Zentimeter, was das Baujahr des Turms symbolisiert; die Kugel auf dem oberen Teil des Turms symbolisiert die Erde; in der Mitte befinden sich 56 Säulen, die für die 56 Nationen Chinas stehen; unten befinden sich 34 Säulen, die die chinesische Landkarte tragen und die 34 Provinzen, autonomen Regionen und Sonderverwaltungszonen symbolisieren.

Die Regierung drohte einmal damit, den Turm abzureißen. Da Dongjialing aber auf die Bezeichnung „Mittelpunkt Chinas” verzichtet hatte, konnte der Turm erhalten bleiben. Der Wunsch, durch den Turm mehr Touristen anzuziehen, um die wirtschaftliche Situation zu verbessern, ist ebenfalls gescheitert. Der Journalist von Le Figaro sah, dass es keine Touristen in Dongjialing gab, auch nicht während der Touristensaison. Ein Dorfbewohner, der neben dem Turm einen Laden besitzt, erzählte, dass vorher zwei Touristenbusse gekommen seien, aber nachher keiner mehr. Viele Einwohner zogen zur Arbeit in die Städte. Das Leben dort ist sehr schwer und besonders in den Wintermonaten liegt sehr viel Schnee. Die Straßen werden dann gesperrt.

Es gibt zwei weitere Dörfer in der Provinz Gansu, die sich auch einmal den geographischen Mittelpunkt der VR Chinas nannten. Die Bewohner schwiegen, nachdem der „Turm des Herzens der Nation” von Dongjialing durch die Regierung kritisiert wurde. Wo ist eigentlich der geographische Mittelpunkt Chinas? Wang Naiang, der geographische Professor der Lanzhou Universität meinte: "Es ist eigentlich nicht wichtig, wo der tatsächliche Mittelpunkt ist. Der soll ja in der Provinz Gansu liegen. Am Einfachsten ist, Lanzhou (die Hauptstadt von Gansu) als Mittelpunkt festzulegen, weil es von politischer Bedeutung ist."

Aber für Peking ist es unmöglich, Dongjialing, wo viele Menschen einer Minderheit angehören, oder die Hauptstadt Lanzhou als geographischen Mittelpunkt von China zu bezeichnen. In dem französischen Bericht wurden die Worte des Vizeleiters der Vermessungsabteilung der Provinz Shanxi, Yue Jianli, zitiert: „Es ist immer kontrovers, wenn ein geographischer Mittelpunkt festgelegt wird; wir wollen keine außenpolitischen Probleme haben. Denn China hat noch das Problem mit Taiwan, dem südchinesischen Meer und auch den Grenzkonflikt mit Indien.“ Er meinte, wenn das Seegebiet berücksichtigt wird, sollte der Mittelpunkt noch südlicher sein, neben Xi´an.

Die Haltung Pekings zeigt deutlich, dass die angestrebte „nationale Einheit“ wie sie durch die KPCh als eigenes Ziel propagiert wird, nur eine politische Kampagne ist und es ihr nicht wirklich um eine Einheit mit den verschiedenen Ethnien und Minderheiten geht. Ihr Ziel ist den eigenen Machtbereich und Machtanspruch zu festigen, die Legitimation ihrer politischen Herrschaft durch das chinesische Volk zu erlangen.

 

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